Katharina…..

Katharina war 43 Jahre und kam mit ihrem Mann vor 20 Jahren aus Polen, ein Land, für welches sie sich schämt, kümmert sich das ach so katholisch gelobte mehr um seinen politischen Aufstieg und sozial schwache rutschen in die Hölle, so sagt sie. Soziale Unterkünfte verfügten meist nicht einmal über fließendes Wasser, auch heute noch. Nie hatte sie überlegt zurück zu gehen. Obwohl sie sich bestimmt mehr von unserem Land erhoffe. Und so ist es doch eigentlich unvorstellbar so viele lange Jahre auf der Straße zu leben. Oder in Notunterkünften im Winter. Katharina hat die Hoffnung nie aufgegeben, wohl auch, weil sie immer ihren Mann zur Seite hatte. Sie weiß, dass viele Osteuropäer das große Leben in Deutschland suchen; es gibt sogar eigens Anlaufstellen nur für diese Osteuropäischen Bedürftigen. Und da reden wir nicht von den miesen Schleuserinstitutionen, die mit gefälschten Papieren, Geburtsurkunden nicht vorhandener Kinder und falschen Arbeitsverträgen die Menschen für ihren eigenen Geldbeutel unseren Staat ausbeuten lassen. Nein, wir reden von Menschen, die keine Perspektive mehr haben und dafür bereit sind, den Preis auf unseren Straßen in Kauf zu nehmen, der im Vergleich paradiesische Züge hat.

Nur die Realität sieht anders aus. Katharina wusste von Anfang an, dass sie mindestens fünf Jahre einen Wohnsitz nachweisen musste, für den sie natürlich auch selbst aufzukommen hat, um soziale Leistungen erhalten zu können. Aber das fand sie auch richtig so! Das betonte sie! Nur da beginnt für alle der Teufelskreis. Keine Meldeadresse, keine Papiere – kein Arbeitsvertrag!!! Kein Arbeitsvertrag, keine Wohnung, …… Nach 16 Jahren habe sie dann Hilfe von einem Sozialarbeiter bekommen, einem Türken, so sagte sie schmunzelnd….. Der wäre so wunderbar bemüht um Menschen wie sie, arbeite für Phsychosozialcenter Wulata in Marzhahn Hellersdorf, dort gab es Halt und Hilfe – und nach nun vier Jahren habe er es geschafft, vier Wände für sie und ihren Mann zu organisieren! Seit zwei Monaten haben sie jetzt eine „Meldeadresse“! Sie war soooo stolz. Doch da sieh keinen Arbeitsvertrag nachweisen kann, muss sie nun mit Hilfe des Sozialarbeiters vor das Sozialgericht ziehen. Viel lieber hätte sie einen Job mit Vertrag, sie würde alles tun. Einen Job hat sie ja irgendwie….. Katharina und ihr Mann  verkaufen die Obdachlosenzeitung Kompass. Diese kostet 1,50 Euro, welche sie voll behalten darf. Ok, aber jetzt widerspricht sich das System. Sie verkauft das, darf das Geld behalten, hat aber keinerlei Vertrag, keine Krankenversicherung….  steht trotzdem nicht als Schwarzarbeiter da, weil es eine Gutmenschsache für Bedürftige ist? Katharina kann nie wissen, ob sie an einem Tag fünf, zehn oder auch keine Zeitung verkaufen.

Nach Angaben der Herausgeber, und diese Angaben habe ich aus der neusten Ausgabe, verkaufen 250 „fleißige“ Verkäufer/innen innerhalb weniger Wochen 20.000 Stück, garantiert. Diese erwirtschaften abzüglich der Investitionskosten von 2.000 Euro insgesamt 28.000 Euro. Diese geteilt durch die 250 Verkäufer/innen = 112 Euro monatlicher Verdienst für den Einzelnen. 

Das lassen wir nun einmal so stehen, da man diese rund 75 Zeitungen auch erst mal an den Mann/die Frau bringen muss. Viel oder nicht viel, aber für Menschen wie Katharina zum einen eine Aufgabe und zum anderen Achtung vor sich selbst, weil eben selbst erarbeitet. Die Verkaufsstelle bekommt sie zugewiesen. Sie hat Glück, meinte sie, der Bahnhof sei ein guter Platz.

Und selbst die Fahrtkosten zu ihrem Verkaufsplatz muss sie selbst aufbringen, im sozialen System bekäme sie die gestellt. Aber sie ist stolz, diese Arbeit (in meinen Augen das falsche Wort dafür) zu haben. Als wir sie fanden, und wir hatten praktisch nach ihr gesucht, weil ich unbedingt so eine Zeitung kaufen wollte, war sie wie ein kleiner Flummi vorm Hauptbahnhof unterwegs. Sie sprach die Leute an, wollte keiner kaufen, sprang sie weiter. Wir hatten fast Mühe sie einzuholen. Irgendwann rief ich einfach „Stop! Ich hätte gerne eine Zeitung!“ Sie war total erstaunt, angesprochen hatte sie noch keiner, und so fanden wir ins Gespräch. Anfangs war mir gar nicht bewusst, dass sie eine Bedürftige war. Sie war sauber und ordentlich gekleidet, hatte einen grünen Parker an, ihr blondes leicht welliges Haar war zu einem Zopf gebunden. Sie war klein, schmal und wirkte gepflegt. Daher fragte ich auch erst irgendwie komisch, wie sie denn zu dem Verkauf dieser Zeitung käme, ob sie dort arbeite…. dann erzählte sie uns ihre Geschichte. Sie sah sich immer mal wieder um, manchmal zu ihrem Mann, der etwas weiter auf der anderen Seite seine Zeitungen anbot. Aber auch zu einem, vor dem sie etwas Angst zu haben schien. In Berlin gibt es eine weiter dieser Zeitungen, die „motz“. Diese wird am Bahnhof aber in ihren Augen von einer Art Bande verkauft. Katharina erzählte, wie kriminell sie wären, Leute bedrängen und oft bestehlen. Wenn sie erwischt würden, dann gingen sie halt eine Zeit ins Gefängnis und wenn sie rauskämen, seien sie eben wieder dort. Sie kann das überhaupt nicht nachvollziehen. Auch sie und ihren Mann wollten sie schon hier vertreiben, und haben ihnen gedroht. Als das zu weit ging, hatte Katharina die Polizei geholt, seitdem halten sie sich etwas zurück. Und genau diese Menschen verurteilt auch sie, wie Matthias. Kriminelle gehen gar nicht, und die hätten in diesem Land nichts verloren. 

Bei unserem Abschied gaben wir auch ihr noch etwas Geld, schließlich hätte sie ja jetzt so lange bei uns gestanden und konnte in dieser Zeit keine Zeitung verkaufen. Sie wollte es erst nicht annehmen, aber ich sagte, es sei in Ordnung. Sie wünschte uns alles Gute, ganz ganz viel Gesundheit, das sei so wichtig! 

Wir haben in zwei Tagen zwei ganz verschiedene Menschen kennengelernt. Und doch tragen sie irgendwo das gleiche Schicksal. Sie waren in ihrem Leben einfach irgendwann an einem Punk, wo das Glück sie verlassen hatte. Aber sie haben sich selbst nie aufgegeben. Wo es für Matthias keinen Weg mehr zurück gibt, weil er das Leben so angenommen hat, so hat Katharina ihre Hoffnung noch nicht aufgegeben. Sie hat immer noch Ziele und immer einen Plan B der Hoffnung in ihrer Tasche. Vielleicht sehen wir sie im Dezember wieder, wir werden Ausschau nach ihr halten. Ich werde ein Weihnachtsgeschenk für sie einpacken.