Ein Stück Himmel am Bahnhof

Und dann sah ich ihn, sprach ihn freundlich an. Auf die Frage wie es ihm ginge, meinte er, es ginge ihm gut – wirklich! 

Matthias am Bahnhof Zoo!

Wahrscheinlich hatte ich eine andere Antwort erwartet. Etwas trauriges, schutzloses, verbittertes….. nein.

Ein mit sich in Frieden lebender Mann. Ruhig, ausgeglichen, irgendwie entspannt. Als ich ihn fragte, ob er sich ein normales Leben zurück wünscht, eine Wohnung, Unterstützung…   Nein! Er könne nicht mehr zurück in ein soziales Umfeld, gefühlt eingesperrt in vier Wände, in ein System, welches er für falsch hielt. Allein das Wort Sozialhilfe sei in seinen Augen abwertend. In Österreich würde man es Grundsicherung nennen. Das sei menschenwürdiger.

Matthias wirkte sehr gebildet. In all den Jahren war er viel unterwegs gewesen. Er sah sich als Clochard, das sei das „französische“ Wort für Penner meinte er und schmunzelt.

Ich habe ihn nicht nach seinem Alter gefragt, aber wahrscheinlich war er mindestens zehn Jahre jünger als es schien – so um die 50. Er trug einen schwarzen Hut mit einem ganz schmalen Band in den französischen Farben – vielleicht von seinen Reisen früher – daran erkennen ihn die meisten, meinte er. Er hatte einen Bart und war von seinem harten Leben gezeichnet. Seine Augen waren warmherzig, eines hatte etwas Eiter am Tränenkanal. Er saß auf dem Boden, mit einem ausgestreckten Bein. Das linke Hosenbein fehlte, stattdessen hatte er einen beigen grobgestrickten Schal vom Oberschenkel bis zur Wade darumgewickelt und verknotet. Ich sprach ihn nicht darauf an. Sein schwarzes buntbedrucktes T-Shirt ragte nicht ganz über den Bauch. Er zog es ab und zu etwas darüber. Eine schwarze kurze Jacke war von einer Art Flagge bedeckt, wie ein Schutz über seinen Schultern. Ich konnte nicht erkennen woher sie war . Irgendwas in weiß und rot. Er roch leicht nach Bier, nicht stark. Eine leere Flasche stand neben seinen paar Habseligkeiten. Ebenso eine leere Mate-Teeflasche. 

Wie die Menschen auf ihn reagieren würden, fragte ich ihn. „Man darf nichts erwarten, dann wird man auch nicht enttäuscht.“ Das war sein Leitsatz für`s Leben. Es sei sehr unterschiedlich. Einmal habe ihm jemand eine riesige Pizza gebracht, das war toll. Die einen gehen vorbei, ein paar lassen etwas Geld da. Matthias hatte weder ein Gefäß zum Sammeln aufgestellt, noch auf einem Schild um Geld gebeten, wie man es oft sieht. Als ich ihn ansprach habe ich ihm einfach zwei Euro in die Hand gedrückt, und mich bei die Frage, wie es ihm gehe, hingekniet. Ein Gespräch auf Augenhöhe beginnen, das war mir wichtig. Nach zwei Minuten habe ich mich einfach zu ihm gesetzt, mitten auf den Gehweg vorm Bahnhof Zoo. Er sah zu Michael auf und ich stellte ihm meinen Mann vor, reichte ihm die Hand und sagte ihm meinen Namen. Seine Hände waren leicht schmutzig, die Fingernägel kurz und….. als hätten sie in der Erde gegraben. Sein Händedruck war stark und man merkte, das kam nur selten, wenn überhaupt vor. Es freute ihn. So saßen wir nun zu dritt auf dem Boden in der Sonne, Matthias legte sich gestürzt auf seinen Arm nach hinten. Ich habe Matthias immer gesiezt, die ganze Zeit, ich wollte dass er merkte wie respektvoll ich war. Es war interessant zu beobachten wie uns die vorbeilaufenden Leute ansahen. Einige sehr verwundert, ein anderer fand es wohl bemerkenswert. So saßen wir eine ganze Weile und hatten wirklich ein schönes Gespräch. Auf die Frage, wie lange er schon so lebte, dachte ich erst er wolle der Antwort ausweichen, aber er fand sich schon immer irgendwie allein, erst als Schlüsselkind, dann Ausreißer, seit der Kindheit. Ich ließ es so stehen. Er habe viele Orte, an denen er sich heute aufhält. Auch bei einem Bekannten könne er mal schlafen, aber das täte er selten. Er ist gerne allein. Er lebe jeden Tag, so wie er kommt, es gäbe viele Möglichkeiten. Nur kriminelle verabscheue er. Jeder könne betteln, selbst die reichen, und danach könnten sie um die Ecke in ihren Mercedes steigen. Das sei ihm egal, es mache für ihn keinen Unterschied – Hauptsache niemand sei kriminell, wie manche Banden.  Er habe sich vor ein paar Wochen wo ein Buch angesehen, über Pilze. Seitdem sammle er welche zum Essen. Er sei sich auch nicht zu schade in Mülleimer nach Flaschen zu wühlen. Und betteln,  ja so viel er halt zum Leben bräuchte. Er war sehr genügsam, es sei nicht viel. Irgendwie kommt man immer hin.

Zwischendurch hielt ich inne, wir sahen uns einfach nur an. Er lächelte….. Er schreibe seit zehn Jahren an einem Buch, sagte er (was hätte ich es gerne gesehen).

Und der Winter, meinte ich, ob er da in eine Notunterkunft ginge….. Niemals! Er sei zur Zeit dabei sich eine wie er es meinte Blockhütte zu bauen irgendwo außerhalb. Ob das so stimmte….. Aber es sei auch kein Problem, man müsse sich nur zu helfen wissen. Man gräbt sich eine Mulde, lege Alufolie, Stöcke und Laub darauf und lege sich hinein. Und wenn es richtig kalt würde, baut man sich einen Miniofen aus einer Konservendose mit einem kleinen Rohr nach außen und nimmt das mit in seine Mulde und decke sich zu. Bis -30° sei das überhaupt kein Problem. Wie gesagt, man müsse sich nur zu helfen wissen. Er hatte wohl hunderte solcher Ideen. Ja er habe auch eine 23-seitige Liste, wo man welche Hilfe bekam. Da ginge er auch mal zum Essen hin, oder in die Kleiderkammer, und ja, auch zum duschen. Ein paar Stellen gäbe es ja. Als ich nach dieser hier am Bahnhof fragte, erklärte er uns genau den Weg. 

Wenn er sich beschreiben würde,  was wäre er fragte ich. Ein Krieger, ein Kämpfer oder ein Überlebender?

„Ein Reisender“, sagte er. Ich musste schmunzeln und meinte er habe aber nur diese drei Möglichkeiten. Dann sei er ein Überlebender. Ich schenkte ihm darauf hin diese beschriftete Dog Tag. Er freute sich sichtlich darüber und sagte: I`m a survivor!! Ja das war er!!!

Ich drückte ihm am Ende noch einen Geldschein in die Hand – er freute sich sehr. Ich dankte ihm für das schöne Gespräch. Er hatte sich wirklich gefreut, dass wir uns einfach mal Zeit für ihn nahmen. Seine Augen glänzten und wir ließen ihn zurück. Wahrscheinlich sehen wir ihn nie wieder….

Wir machten uns auf, rund um den Bahnhof.

Und auf der Rückseite ganz hinten nach der Unterführung fanden wir sie…. da standen Gottes vergesse Kinder. Es war ein Dreckeck und es roch nach Urin. An einem Baum waren Blumen und Kerzen niedergelegt, ein Backstein mit der Aufschrift Bad + Joe. Wir gingen weiter, ich wollte wissen, wo sie war, diese einzige hygienische Möglichkeit weit und breit. So viele fragende Augen, verschiedene Nationalitäten, verwunderte Blick was wir zwei da wollten, hätten wir auch auf der anderen Seite der Straße gehen können. Und da war sie, eine Glastür mit der Aufschrift: „Ein Stück Himmel am Bahnhof“ 

Unterhalten von der Stadt- und Bahnhofsmission, wo man mit frischer Unterwäsche, einem Handtuch und Duschgel ein Stück Würde zurück bekam. Gerne hätte ich mit den Helfern dort gesprochen, aber in diesem Moment und bei dem Auflauf von Bedürftigen war das in meinen Augen unmöglich. Und auch nicht mehr nötig. 

Später im Bahnhof sahen wir zwei ältere Damen mit Sammeldose und Süßigkeiten für Spendierfreudige. Wir warfen auch Geld ein und ich bat lediglich nach einem Flyer. Wir lobten die Arbeit und hatten ein kurzes Gespräch. Immer wieder kamen Leute von selbst auf die Frauen zu und warfen Scheine und Münzen ein. 

Ich glaube, dass diese Stelle es wert ist, als mein erstes Projekt zu unterstützen. Hier stellt man keine Fragen, man sieht mit dem Herzen und gibt den Menschen ein Stück ihrer Würde zurück! 

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